Nordkurve Gelsenkirchen mit der Eurofighter-Choreo. (Photo by Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images)
Foto: Getty Images

Schalke und die neue Saison: Graue Maus oder königsblaues Wunder?

Es ist soweit. Schalke 04 startet am Samstag (18:30 Uhr) gegen RB Leipzig endlich in die neue Bundesligasaison. Die Spielzeit ist in vielerlei Hinsicht richtungsweisend - sie wird zeigen, wohin die Reise für den Verein langfristig gehen wird.

Kurz vor Saisonbeginn ist sie dann doch wieder da. Diese leise Hoffnung bei den Anhängern in Königsblau, dass in der neuen Spielzeit vielleicht doch alles gut wird. Dass das Team ohne schwere Verletzungen und Skandale auskommt - und dabei gleichzeitig gute Spiele und konstante Leistungen zeigt. Wer kann es ihnen verübeln?

Diese vorsichtige Euphorie ist weniger geworden. Nach den missglückten Trainerexperimenten mit Roberto Di Matteo, André Breitenreiter und Markus Weinzierl werden die Fans deutlich zurückhaltender. Auch wenn das im Ruhrpott ungewohnt ist. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Optimismus in Gelsenkirchen nicht mehr zeitgemäß ist. Schalke ist wie die Ex-Freundin, zu der man immer wieder zurückkehrt, obwohl sie dich ständig enttäuscht. Wie konnte das passieren?

Zugänge mit Potential, keine Flucht von Leistungsträgern

Schalke 04 hat sich in der Sommerpause mehr punktuell als individuell verstärkt. Der spanische Innenverteidiger Pablo Insua gilt als taktisch geschulter, intelligenter Spieler mit viel Entwicklungspotenzial. Ebenfalls interessant ist die Aussicht auf Amine Harit, vom FC Nantes. Er alleine hat in der vergangenen Saison in Frankreich 35 Großchancen kreiert - er lag damit ligaweit auf Platz 2 und war sogar vor dem Wunderkind Kylian Mbappé vom AS Monaco (31). Keine schlechte Aussicht. Zudem kam Bastian Oczipka von Eintracht Frankfurt. Der 28-jährige hat in der Vorbereitung schon gezeigt, dass er dem Team auf der linken Seite helfen kann. Der ausgeliehene Nabil Bentaleb wurde schon in der vergangenen Spielzeit fest verpflichtet, das gleiche gilt für Yevhen Konoplyanka. Mit Weston McKennie wurde ein vielversprechendes Talent aus der U19 hochgezogen. 

Sead Kolasinac, der zum FC Arsenal wechselte, ist der einzige unumstrittene Leistungsträger, der den Verein im Sommer verlassen hat. Die Abschiede von Klaas-Jan Huntelaar (Ajax Amsterdam) und Eric Maxim Choupo-Moting (Stoke City) machen zwar wehmütig, sind sportlich aber absolut vertretbar. Auch Sascha Riether und Dennis Aogo mussten zurecht gehen. Die Mannschaft wurde im Kern zusammengehalten. 

Personell gehört der Verein zu den besten Mannschaften in Deutschland. Das ist und bleibt so, auch wenn die Resultate eine deutlich andere Sprache sprechen und der Verein zurecht für seinen hohen Etat kritisiert wird. Dass mehr dazu gehört als individuelle Klasse, um erfolgreich zu sein - das kann auf Schalke inzwischen jeder nachsprechen.

Tedesco kommt gut an - und steigert die Erwartungshaltung

Domenico Tedesco, der neue Cheftrainer in Gelsenkirchen, ist der nächste Versuch der Schalker Führungsetage, erfrischenden, begeisternden Fußball spielen zu lassen und dabei gleichzeitig ein junges, kompetentes Gesicht zu präsentieren. Diese Aufgabe hat der 31-jährige bisher ordentlich angenommen. Er hat in der Sommerpause seine Hausaufgaben gemacht und gezeigt, dass er den Verein verstanden hat. 

Der jüngste Trainer der Schalker Vereinsgeschichte sucht die Nähe zu den Fans, setzt sich für öffentliche Trainingseinheiten ein und arbeitet akribisch an der Vorbereitung der neuen Spielzeit und an der Seitenlinie. Da gab es in den letzten Jahren schon andere Übungsleiter, die zum Saisonstart mit deutlich mehr Skepsis begutachtet worden sind. Gleichzeitig steigern diese positiven Vorzeichen naturgemäß die Erwartungshaltung. Und bei aller Kompetenz bleibt die berechtigte Sorge bestehen, wie so ein junger Trainer mit Gegenwind umgehen wird. Und der wird kommen. Egal, was passiert. 

Schalke muss langfristig denken - und zeigen, wo der Verein hin will

Ein junger Trainer, eine vielversprechende, hungrige Mannschaft und ein kompetenter Manager - das sind alles Phrasen, die nach der Verpflichtung von Markus Weinzierl ebenfalls getätigt wurden. Aus diesem Grund wird Domenico Tedesco in der neuen Saison vor allem eine Aufgabe haben - das Tagesgeschäft in der Bundesliga in den Griff zu kriegen. Durch die verpasste Qualifikation gibt es vorerst keine berauschenden Europa-Abende mehr. Schwache Auftritte in der Liga gegen Hamburg, Mainz oder Augsburg lassen sich nicht mehr ausgleichen. Christian Heidel hat in seiner Kaderplanung deutlich gemacht, dass die Qualifikation für die internationalen Plätze alternativlos ist. Das weiß auch sein von ihm verpflichteter Cheftrainer. Der Druck ist da. Egal, wie sehr die Verantwortlichen im Vorfeld versuchen werden, ihn abzuschwächen

Mit dem aktuellen Kader ist dieses Ziel durchaus realistisch. Die fehlende Konstanz hat das in der vergangenen Saison verhindert. Tedesco steht vor der Mammutaufgabe, dem aktuellen, hochbezahlten Kader diese Leistungsstabilität einzutrichtern. Gleichzeitig muss er taktische Variabilität zeigen, um sich auf die zahlreichen unterschiedlichen Gegnertypen in der Bundesliga einzustellen. Wenn ihm das gelingt, werden sie ihm in Gelsenkirchen eine Statue bauen. Ganz nach oben wird es Königsblau natürlich trotzdem nicht schaffen. Aber wer kann eine Spielzeit von Schalke 04 schon ernsthaft prognostizieren? Dieser Verein ist unberechenbarer als Donald Trumps Frisur, wenn es windig ist.

Die Saison wird symbolisch dafür stehen, wie Schalke 04 in den nächsten Jahren langfristig aufgestellt sein wird. Will der Verein zu einer grauen Maus mutieren, die im Niemandsland der Bundesliga verschwindet und völlig an sportlicher Attraktivität verliert? Oder will der Verein endlich wieder zeigen, welches Potential in ihr steckt? Jeder kennt die Antwort. Es hilft nichts, sich über kluge Transfers oder Vorstände mit Maulkorb zu freuen, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Es hilft nichts, einen Musterschüler als Trainer zu verpflichten, der viel von Taktik versteht und einen guten Umgang mit den Spielern pflegt, wenn es wieder so läuft wie in der Vorsaison. Ohne vernünftige Resultate werden all die neu geschaffenen (positiven) Nebengeschichten keinen Effekt erzielen.

Es ist zwar müßig, Profis erklären zu müssen, dass die Bundesliga immer noch das Kerngeschäft eines jeden Vereins ist. Aber auf Schalke war schon immer alles ein wenig anders. Genau das wäre dem Verein auch für die kommende Saison zu wünschen.

Dass endlich wieder alles anders wird.