Benedikt Höwedes. (Photo credit should read JENS SCHLUTER/AFP/Getty Images)
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Schalke 04 und Benedikt Höwedes: Ein Abschied im Groll

Nach 16 Jahren verließ Benedikt Höwedes den FC Schalke 04 und wechselte zu Juventus Turin. Die Begleitumstände des Transfers sind nicht gerade von Nettigkeiten geprägt. Der langjährige Schalker trennte sich nicht im Guten von seinem Herzensklub. Doch, was haben die Verantwortlichen der Königsblauen denn Böses getan? Ein Kommentar.

Auch Tage nachdem Neu-Trainer Domenico Tedesco auf der Pressekonferenz zum DFB-Pokalspiel bei BFC Dynamo (2:0) verkündete, dass Benedikt Höwedes nicht mehr Kapitän des FC Schalke 04 sein wird, klang dies unwirklich. Sechs Jahre trug der Nationalspieler die Binde und führte die Mannschaft aufs Feld. Tedesco erklärte seine Entscheidung. Das Team habe sich gerne hinter Höwedes versteckt und man wolle dies in Zukunft anders handhaben. Die Verantwortung solle auf mehrere Schultern verteilt werden. Zudem sprach man dem Halterner keine Stammplatzgarantie aus – der Konkurrenzkampf sei eröffnet.

Ich stellte mir oft die Frage, wie Höwedes diese Maßnahmen wohl aufgefasst hat. Wie sich die Situation in den Wochen danach entwickelte, war der Innenverteidiger alles andere als erfreut. Das ist sein gutes Recht und völlig legitim. Höwedes ist bitter enttäuscht und verärgert, dass man ihm seinen besonderen Status wegnahm. So sehr, dass er den Verein verließ. Mit Juventus Turin hat er einen europäischen Spitzenklub als neuen Arbeitgeber.

Ein lehrreicher Fauxpas

Zu allem Überfluss ließ sich Tedesco zu einem Satz hinreißen, der für Aufruhr sorgte. "Reisende soll man nicht aufhalten", sagte er. Diesen Satz traf er so als er auf Nachfrage ansprach, dass man wechselwillige Spieler nicht unbedingt auf Teufel komm raus mit einem Veto halten sollte. Im Zuge der ohnehin schon hitzigen Diskussionen eine unbedarfte Aussage. "Dieser Satz in der Pressekonferenz ist von meiner Seite vielleicht etwas unglücklich gewählt worden. Trotzdem ist er jetzt aus dem Kontext gerissen", sagte Tedesco gegenüber Sky.

Was aber verbitterte Höwedes genau? Womöglich fühlt er sich nach den Jahren und den getroffenen Entscheidungen nicht mehr wertgeschätzt. Schließlich schlug er vor Jahren ein Angebot des FC Bayern aus, wie er mal der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in einem Interview verriet. Höwedes schmetterte auch Anfragen anderer europäischer Topklubs ab – für Schalke. Und das in Krisenzeiten. Vor eineinhalb Jahren verlängerte er seinen Vertrag bis ins Jahr 2020. Ohne Ausstiegsklausel. Er ließ diese gern genutzte Fluchtmöglichkeit aus, unterzeichnete "mit pochendem Herzen" und ließ wissen: "Kohle geht, Kumpel bleibt." Es war ein absolut klares Bekenntnis zum FC Schalke 04.

Jedoch hat auch er dem Revierklub viel zu verdanken. Auf Schalke wuchs er heran, wurde deutscher A-Juniorenmeister, Nationalspieler (mit späteren weltmeisterlichen Weihen) und DFB-Pokalsieger. Das ist ja nicht Nichts. Seitdem Höwedes 2011 von Ex-Trainer Ralf Rangnick zum neuen Kapitän bestimmt wurde, war er fortan unantastbar für alle weiteren Trainer. Eine solche Identifikationsfigur setzt man nicht so einfach auf die Bank – oder man traut es sich nicht und legt sich nicht mit den Fans an, die ihren Liebling spielen sehen wollen. Diesen Kreislauf durchbrach Tedesco nun. Höwedes gefiel das offenkundig gar nicht, ein schickes Angebot trudelte ein und schwupps sind 16 Jahre ganz schnell vorbei.

Schalke 04 wollte Höwedes halten, aber nicht für den Preis einer Stammplatzgarantie. Die wollte "Bene" unbedingt und bekam sie nicht. "Er wollte eine Garantie haben, dass er spielt. Die Garantie kann ich aber keinem Spieler aussprechen. Der Wunsch war immer, dass er diesen Konkurrenzkampf eben annimmt", ergänzte der 31-Jährige. Mit der WM vor der Brust und keinem Stammplatz auf Schalke folgte somit der plötzliche Abschied im Groll.

Legitimes Vorgehen

Die Fans sind überwiegend zweierlei Meinung. Die einen sagen, Schalke vergraulte eine Klublegende. Die anderen echauffierten sich und prangerten an, dass er sich nicht dem ausgerufenen Konkurrenzkampf stellte und deshalb geflohen ist. In meinen Augen hat Schalke 04 Höwedes nicht vergrault oder vom Hof gejagt.

Die sportliche Führung will am Berger Feld die alten Hierarchien aufbrechen und abgenutzte Strukturen verändern – heraus aus gedanklicher Lethargie und festsitzender Routine der letzten Jahre. Im weiten Rund des königsblauen Kosmos' hörte man so oft, dass endlich durchgegriffen werden soll. Nun findet tatsächlich ein richtiger Umbruch statt, der mit Christian Heidel an der Spitze letztes Jahr begann. Dass man hierbei auch einem verdienten Spieler, wie Höwedes es ist, keinen Freifahrtschein ausstellen wollte, ist überfällig geworden.

Deshalb ist es nicht verwerflich, wie Tedesco handelte. Ex-Kollege Naldo sprach dies bei Sky am Mittwoch auch deutlich an: "Auch ich habe keine Stammplatzgarantie, auch wenn ich mal nicht spiele, muss ich mich selbst hinterfragen." Ein weiterer Satz verdeutlichte die Denkweise, die auch ich zu dem Thema habe. "Schalke ist groß, der Verein ist nicht nur ein Spieler", betonte der Brasilianer.

Trainer Tedesco hat eine mutige Entscheidung getroffen. Er wird sie nicht getroffen haben, um Höwedes absichtlich zu schaden. Er traf sie aus Überzeugung, dass dies das Beste für das aktuelle Schalke sei. Selbstverständlich setzt er sich damit großem Druck aus, da Höwedes eben viele Verdienste um diesen Verein hat. Am besten lässt sich diese Gemengelage mit sportlichem Erfolg aus den Schlagzeilen bringen. Jenen Erfolg braucht Tedesco ohnehin.

Jetzt ein Stück mehr als zuvor.