Schalkes Maskottchen Erwin. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)
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Schalkes Mut fehlte nur der Siegtreffer

Schalke 04 spielt im Achtelfinalhinspiel der Europa League 1:1 (1:1) gegen Borussia Mönchengladbach und geht mit einer mäßigen Ausgangslage in das Rückspiel. Die Leistung von Königsblau lässt trotzdem vorsichtigen Optimismus zu.

Markus Weinzierl überraschte vor der Partie mit einer gewagten Aufstellung. Statt weiterhin auf das zuletzt mäßig funktionierende 3-5-2 zu setzen, probierte der Cheftrainer einen anderen Ansatz aus. Er formte bei gegnerischem Ballbesitz ein klassisches 4-4-2, während es in der Offensive eher einem 4-2-3-1 mit Guido Burgstaller als einzige Spitze ähnelte. Das war nicht nur systemtechnisch sondern auch personell ein gewagter Versuch. Nabil Bentaleb musste aus Gründen der Rotation zunächst auf die Bank, für ihn kam Johannes Geis in die Partie. Holger Badstuber pausierte, da aus der Dreierkette mit drei Innenverteidigern eine Viererkette mit zwei Außenverteidigern geformt wurde.

Die Systemumstellung gelang zunächst nur schleppend. Abstimmungsprobleme in der ersten Viertelstunde brachten der Fohlenelf die ein oder andere Chance. Vor allem bei Pässen in die Schnittstelle war die Hintermannschaft mehrfach überfordert. Folglich fiel das für die Gladbacher so wichtige Auswärtstor durch genau so eine Situation. Benedikt Höwedes erwischte leider wieder einen schlechten Tag, sein gutes Stellungsspiel ist ihm aktuell fast vollständig abhanden gekommen. Ein Raunen ging durch die Veltins-Arena, es gab aber keine Pfiffe. In der aktuellen Situation ist das ein wichtiges Signal.

S04 verbesserte sich nach dem Gegentor kontinuierlich. Die Automatismen griffen besser, das Kombinationsspiel funktionierte und an der Einstellung ist sowieso seit Wochen wenig zu bemängeln. Die spielerischen Defizite und Unkonzentriertheiten aus dem Spiel in Gladbach vom vergangenen Samstag wurden nach dem 0:1 fast vollständig abgestellt.

Es gibt selten Spiele, in denen zu beobachten ist, dass eine Mannschaft sich von der ersten bis zur letzten Minute spielerisch immer weiter steigerte. Das war auf Schalke gestern der Fall. Nach der guten Reaktion auf den Gegentreffer und den verdienten Ausgleich durch Guido Burgstaller in der ersten Halbzeit spielte S04 im zweiten Durchgang noch zielstrebiger. Ab der 70. Minute gab es fast schon ein Chancenfeuerwerk. Der starke Gladbacher Torwart Yann Sommer verhinderte aus Sicht der Gäste schlimmeres.

Das ist das große und in der Endabrechnung vermutlich schmerzhafte Problem an der Partie gestern. So gut die Reaktion auf die Klatsche in Mönchengladbach auch war, so wenig bringt es dem Verein, wenn das zweite Tor nicht fallen will. Die Leistung war gut, ein Weiterkommen in der Europa League steht trotzdem auf der Kippe. Im Borussia-Park wird es alles andere als leicht, die Leistung aus dem Hinspiel zu wiederholen. Das hat schon das 2:4 vom letzten Wochenende gezeigt.

Trotz allem wurde der mutige Versuch von Weinzierl, durch eine Systemumstellung neue Kräfte zu entfachen, zumindest spielerisch belohnt. Es war ein Wagnis, dass der Trainer in der aktuellen Situation eingegangen ist, und es drohte in den ersten 15 Minuten ein böses Erwachen. Die Mannschaft fing sich nach den Startproblemen aber sehr gut.


Wie Weinzierl am Sonntag gegen Augsburg aufstellt, wird vermutlich ein gut gehütetes Geheimnis bleiben. Dass Weinzierl taktische Varianz bieten kann, um mit unterschiedlichen Systemen auf die jeweiligen Gegner zu reagieren und damit unberechenbarer zu werden, muss er langfristig erst noch unter Beweis stellen. Die mutige Umstellung von gestern Abend ist dabei ein erster Schritt.

Für Schalke wäre es jetzt fast schon eine Luxusmöglichkeit, die Stammkräfte für das Rückspiel im Europapokal zu schonen und in der Liga gegen Augsburg auf Rotation zu setzen. Das ist in der aktuellen Situation in der Liga aber alles andere als empfehlenswert. Bekanntlich geht es gegen die Gefahr, ganz tief im Abstiegskampf zu versinken. Da dürfen keine Punkte hergeschenkt werden, das weiß auf Schalke inzwischen vermutlich jeder. Das ist die Problematik einer Doppelbelastung in einer schwierigen Situation, die sich S04 durch viel zu wenig Punkte in der Liga selbst zuzuschreiben hat.

Das Spiel gegen Augsburg ist die nächste richtungsweisende Partie auf einem steilen Weg aus der sportlichen Krise. Schalke ist geforderter denn je und braucht auch in der Bundesliga endlich wieder ein Erfolgserlebnis. Es wird Zeit, endlich die Marke von 30 Punkten zu knacken. Ein Heimsieg würde zumindest für den Moment für einen weitaus entspannteren Blick auf die Tabelle sorgen.