Thilo Kehrer (l.) scheitert an Torwart Michael Esser. (Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)
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Der Höhepunkt der Alptraumwoche

Schalke 04 verliert beim Tabellenletzten in Darmstadt mit 1:2. Die Mannschaft hat innerhalb von nur wenigen Tagen einiges kaputt gemacht.

Es ist aus Schalker Sicht eine Partie gewesen, bei der gefühlt jeder den Ausgang bereits kannte. Die gesamte Konkurrenz hatte am Wochenende gepatzt, der klassische Schalker sah das Unheil kommen. Die Pessimisten sollten nicht "enttäuscht" werden.

Königsblau fehlte von Anfang an die Konzentration. Nach dem frühen Gegentor kam S04 in Schwung, die Torchancen wurden aber haufenweise versemmelt. Keine Frage, die Mannschaft spielte mutig nach vorne und wollte in Darmstadt unbedingt einen Treffer machen. Die völlig unorganisierte Grundordnung vor allem in der Rückwärtsbewegung ließen die blau-weißen Fans am Böllenfalltor aber fast verzweifeln. Fast jedes Mal kam bei einem Darmstädter Angriff das Gefühl auf, es könnte gefährlich werden. Gegen das abgeschlagene Tabellenschlusslicht. Was für eine ernüchternde Feststellung. 

Zeitweise sah es in Darmstadt so aus, als würden sich die Schalker gegenseitig über den Haufen rennen. Kein Spieler erreichte ansatzweise Normalform. Wieder sind es plötzlich nur noch fünf Punkte auf den Relegationsplatz. Und Schalke hat sich das selbst zuzuschreiben. Der verschossene Elfmeter und der späte Siegtreffer der Darmstädter passten perfekt ins Bild. Am Ende war das 1:2 egal. Das Fazit bei einem Unentschieden wäre das selbe gewesen.

S04 hat in dieser Woche einiges kaputt gemacht. Die Hoffnungen auf einen neuen Coup der selbst ernannten "Eurofighter" sind so gut wie Geschichte, und in der Liga gelingt es nicht, genau dafür das nötige Selbstvertrauen zu sammeln. Der Zyniker würde jetzt sagen, der Auftritt in Darmstadt war reine Taktik, um Ajax für das Rückspiel in Sicherheit zu wiegen. Der Realist sagt: Schalke wird mit so einem Auftreten gegen Amsterdam untergehen. Es würde vor allem der Außendarstellung des Vereins gut tun, das 20-jährige Jubiläum des Uefa Cup-Sieges nicht so konsequent auszuschlachten. Die Gewinner von 1997 sind einzigartig. Ein Vergleich passt nicht. Und hilft der Mannschaft auch nicht weiter.

Kritik am Trainer ist, wie schon in der ganzen Saison, absolut berechtigt. Das Spielsystem der Schalker will in manchen Partien einfach nicht funktionieren. Es zeichnet sich ein Muster ab, dass Königsblau bei bestimmten Gegnertypen immer wieder die gleichen Probleme bekommt. Auch wenn einige wieder am geistigen Zustand des Trainers zweifeln: Weinzierl wird über diese Probleme Bescheid wissen. Dass er sie nicht zeitnah beheben kann, muss er sich ankreiden. So wie jeder andere Bundesligist hat auch Schalke einen Trainer, der Fehler macht. Nur ist Königsblau eben gefühlt der einzige Verein, bei dem (konstante) Fehler einen Rauswurf rechtfertigen. Die Meinung mag unpopulär erscheinen, aber: Eine Entlassung ist der falsche Weg. Daran ändert auch das Heranziehen des Punkteschnitts nichts. Der ist mies, keine Frage. Die königsblaue Familie fordert fast pausenlos (zurecht) Konstanz in der Leistung der Profis. Das ist richtig. Fakt ist aber auch: Konstanz fängt beim Personal an. Und das wird so bleiben.

Zum gefühlt fünften Mal in dieser Spielzeit ist Königsblau an einem Punkt angelangt, an dem nur Charakterstärke etwas retten kann. Die Mannschaft hat zwei blamable Spiele gezeigt. Jeder auf Schalke weiß, dass diese nur mit einem Weiterkommen in der Europa League wettgemacht werden können. Das ist kein Geheimnis. Dieser Mannschaft den Charakter abzusprechen, ist gewagt. Viel mehr sollte der Fokus der Kritik auf den Totalausfällen in manchen Partien liegen. Die genau so unerklärlich wie folgenschwer sind. Und trotzdem hat S04 durch "nur" zwei Gegentore tatsächlich mit einer Leistungsexplosion die Chance, Ajax zu schlagen. Das ist wie der faule Schüler, der ständig seine Aufgaben nicht erledigt, aber nie zur Tafel gerufen wird. Schalke kann sich immer irgendwie aus der Schlinge ziehen.

Donnerstag kommt also Ajax. Mit einer 2:0-Führung im Rücken. Gibt es einen besseren Zeitpunkt, um den Fans endlich mal zu zeigen, dass der inflationär benutzte Begriff des "Eurofighters" auf diese Mannschaft zutreffen kann? Wohl kaum. Und dass es an Unterstützung in der Arena nicht mangeln wird, ist ebenfalls keine Frage.

Also, Schalke. Es ist angerichtet.