Große Freude bei der Schalker Mannschaft. (Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)
Foto: Getty Images

Der Geist der Eurofighter

Schalke 04 spielt im Rückspiel der Europa League 2:2 bei Borussia Mönchengladbach und erreicht verdient das Viertelfinale. Ein Spiel, das noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Lange war das Schalker Umfeld nicht mehr so nervös wie vor dieser Partie im Borussia-Park. So eine Grundanspannung erzeugen sonst nur Derbys oder Spiele in der Champions League. Der Optimismus bei vielen königsblauen Anhängern kam nicht zu kurz. Er sollte belohnt werden.

Zu Beginn der Partie waren beide Teams sichtbar nervös und verpassten einen geordneten Spielaufbau. Die Defensive der Schalker stand im ersten Durchgang recht wacklig, die Gladbacher konnten oft unbedrängt in den Strafraum flanken. Wie beispielsweise bei einem Kopfballversuch von Josip Drmic, der mit extrem viel Platz unerklärlich verfehlte.

Das 0:1 durch eine Standardsituation fiel dann in einer Phase, in der S04 etwas mehr Druck ausüben konnte. Parallelen zu vergangenen Spielen wären natürlich reiner Zufall. Ein Schuss von Andreas Christensen wird von Benedikt Höwedes unglücklich und unhaltbar abgefälscht und landet im Tor. Keine Chance. Trotzdem war auch die Unordnung in der Defensive ein Grund für den Gegentreffer. Warum so oft in dieser Saison bei eigenen Druckphasen die Gegentore fallen wird Weinzierl hinterfragen müssen.

Die Ausgangssituation hatte sich für Königsblau kaum geändert. Vor Anpfiff war die Vorgabe von mindestens einem Treffer klar definiert, das Gegentor war nicht so folgenschwer wie das 0:1 im Hinspiel. Und genau so spielte Schalke auch. Druckvoll lief der Ball nach vorne, die Kombinationen liefen besser. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte sollte Schalke sich wieder einmal selbst um die eigene Arbeit bringen. In einer Überzahlsituation vertendelte Eric Maxim Choupo-Moting am Sechzehner der Fohlen leichtfertig den Ball, ein gut ausgespielter Konter und ein sehenswerte Treffer von Dahoud war die Folge. In dieser Situation hat Choupo-Moting so ziemlich alles falsch gemacht, was er falsch machen konnte. Ein sehr ärgerlicher individueller Fehler. Die ersten Fans winkten frustriert ab.

Was in der zweiten Halbzeit dieser Schalker Mannschaft folgte, war der pure Genuss und eine gefühlte Wiederauferstehung der Schalker Eurofighter knapp zwanzig Jahre nach dem legendären Triumph im San Siro. Königsblau spielte im zweiten Durchgang von der ersten Minute an einen sehenswerten, druckvollen und engagierten Fußball, hatte die Kontersituationen fast immer gut im Griff und spielte die vermutlich besten 45 Minuten der bisherigen Saison. Das Tor durch Leon Goretzka fiel durch einen Platzfehler im Rasen des Borussia-Parks und war in der Entstehung absolut glücklich. Der Treffer wurde aber mit aller Macht erzwungen. Es war das Ergebnis einer ganz starken Mannschaftsleistung.

Nach dem Anschlusstreffer waren die Knappen keineswegs fertig. Es wurde genau so druckvoll weiter in Richtung Gladbacher Tor gearbeitet. Die kämpferischen Leistungen von Guido Burgstaller und Daniel Caligiuri machten in dieser Phase besonders Eindruck. Aber auch die Kreativität von Leon Goretzka, die Übersicht und Ruhe von Nabil Bentaleb und die Technik von Max Meyer waren allesamt vorbildlich. Die Gladbacher kamen kaum hinterher. Warum nicht immer so? Eine Frage, die auf Schalke für immer unerklärlich bleiben wird.

Auch die Entstehung des zweiten Treffers war glücklich. Schiedsrichter Clattenburg entschied auf einen Handelfmeter, der bei aller emotionalen Subjektivität so natürlich nicht gepfiffen werden darf. Nabil Bentaleb verwandelte eiskalt, die Schalker Fans explodierten vor Euphorie.

Normalerweise sollte der Begriff "Eurofighter" nicht zu inflationär verwendet werden. Die Elf von 1997 ist einzigartig und das sollte sie auch bleiben. Wie dieses 2:2 gestern Abend verteidigt wurde, das lässt jedoch nichts anderes als Vergleiche mit den Helden von Mailand zu. Jeder Zweikampf wurde angenommen, Ballverluste wurden zurückerobert und hohe Bälle ausnahmslos gut entschärft. Das ist genau die Leidenschaft, die auf Schalke seit Jahrzehnten jeder sehen will. Ein großartiges Spiel von Schalke 04 und ein absolut verdientes Weiterkommen.

Die Europa League entwickelt sich mehr und mehr zum Rettungsanker der Saison - besonders für Markus Weinzierl. Schon zu Beginn der Saison mit fünf Auftaktniederlagen waren nur die Auftritte im Europapokal zufriedenstellend. Und auch jetzt, in einer Phase, in der Schalke den Blick in der Bundesliga vor kurzem noch ganz nach unten richten musste, ist der Einzug ins Viertelfinale ein mehr als nur erhellender Nebeneffekt für Königsblau.

Das erste Mal in dieser Saison schwebt Schalke 04 mit seinen Fans spürbar auf Wolke Sieben. Eine Runde weiter, einen deutschen Gegner mit gesunder Rivalität geschlagen und die Aussicht auf mindestens zwei weitere Europapokalnächte mit dem Auftakt gegen Ajax Amsterdam - es ist eine tolle Momentaufnahme für alle Beteiligten. 

Mehr aber auch nicht. Der Alltag holt Schalke 04 schneller ein, als es den meisten vermutlich lieb ist. Sonntag geht es nach Mainz. Mit der Aussicht, den Abstiegssumpf endgültig hinter sich zu lassen.

Am besten mit der Mentalität eines echten Eurofighters. Diesen Namen hat sich die Schalker Mannschaft seit gestern Abend redlich verdient.
_____________________

Im Viertelfinale trifft der FC Schalke 04 auf Ajax Amsterdam. Das Hinspiel bestreitet der Revierklub auswärts.