Domenico Tedesco. (Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)
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Hannover, Höwedes und Stuttgart – Tedescos Aufgaben in der Länderspielpause

Die Niederlage in Hannover zeigte Schalkes Schwächen auf, wenn ein Gegner taktisch perfekt eingestellt ist. Domenico Tedesco muss nicht nur in dieser Hinsicht Korrekturen vornehmen - er muss auch schnell wieder die richtigen Worte finden.

Das hatten sich die mitgereisten knapp 10.000 Schalker in Hannover deutlich anders vorgestellt. Mit 0:1 verlor das Team von Domenico Tedesco das Spiel gegen die Niedersachsen - und das war alles andere als unverdient. Hannover 96 agierte die gesamte Spieldauer über taktisch unheimlich diszipliniert. Königsblau fand auf die starke Präsens und das hohe und aggressive Pressing der Roten zu keinem Zeitpunkt eine echte Antwort. 

Ein ähnliches Problem hatte Schalke 04 schon in der letzten Saison. Bei hohem Anlaufen des Gegners kommt bei den Knappen kein Kombinationsspiel zustande. Die Folge sind hohe Bälle von Ralf Fährmann gewesen, die fast immer verpufften. Die Außenpositionen erwischten ebenfalls keinen guten Tag. So klappt es auch und gerade gegen einen Aufsteiger nicht.

Tedesco braucht positive Ergebnisse

Stichwort Aufsteiger. Als nächsten Gegner hat Schalke 04 den VfB Stuttgart vor der Brust. Beim Heimspiel braucht es auf königsblauer Seite ein deutlich selbstbewussteres Auftreten und mehr eigene Spielkontrolle. Die kompakte Abwehrarbeit aus dem Leipzig-Spiel wird ebenfalls gefordert sein. Stuttgart gilt als unheimlich starker Aufsteiger, dem deutlich mehr zugetraut wird als Hannover. Wenn das Spiel gegen die Schwaben schiefgeht, dann weiß jeder, der diesen Verein kennt, dass der Baum brennen wird.

Domenico Tedesco braucht diese Anpassungen dringend, um einer ersten kleinen sportlichen Misere auszuweichen. Die vielen Lobeshymnen aus der Vorbereitung werden sonst sehr bald nichts mehr wert sein. Die knallharte Schnelllebigkeit des Fußballgeschäfts wird auch Tedesco noch kennen lernen. Der 31-jährige analysierte die Pleite kurz nach Abpfiff sehr sachlich und kompetent. Er bemängelte die fehlende Lufthoheit und lobte den starken Auftritt von Hannover 96. Der Deutsch-Italiener wird das 0:1 detailliert aufarbeiten - daran besteht wenig Zweifel.

Ein bitterer Abschied

Es war nicht nur wegen der unerwarteten Niederlage gegen Hannover eine turbulente Woche in Gelsenkirchen. Schalkes Urgestein Benedikt Höwedes verließ den Verein nach 16 Jahren und ging zu Juventus Turin. Sportlich gesehen ist der überraschende Wechsel der Schalker Nummer 4 kein völlig absurder Schritt. Der Ex-Kapitän wird nicht mehr jedes Wochenende im Fokus der Medien stehen, wenn er auf der Bank sitzt. Es wird keine ständigen Diskussionen mehr um seine Gesundheit geben. Außerdem ist Schalke auf der Innenverteidigerposition (ja, trotz der Hannover-Pleite) gut bis sehr gut besetzt. Genau so hatte es Höwedes in seinem Abschiedstext auch formuliert.

Viel brisanter sind hingegen die Nebengeräusche, die während der Wechselentscheidung des Schalker Urgesteins aufkamen. Dem Ex-Kapitän wird vorgeworfen, sich seiner Verantwortung zu entziehen, und dem Verein den Rücken zu kehren, ohne für seinen Platz in der Mannschaft zu kämpfen. Das mag plausibel klingen, ist aus Sicht des Neu-Turiners aber gar nicht der springende Punkt. Viel mehr ging es um den Umgang mit seiner Person im Vorfeld des Wechsels nach Italien. Als Tedesco auf Höwedes angesprochen wurde, nutzte er beispielsweise eine Allerweltsfloskel, über die er zweimal hätte nachdenken müssen. "Reisende soll man nicht aufhalten", sagte der Chefcoach zu der Personalie. Da hat er erstmals verbal voll daneben gegriffen. Höwedes ist kein Reisender. Er ist 6 Jahre lang Kapitän und die Identifikationsfigur dieser Mannschaft gewesen. Er hatte etliche Auslandsangebote und entschied sich bewusst für Schalke 04. Die Formulierung war unpassend.

Kommunikation ist verbesserungswürdig

Wenn Domenico Tedesco nicht mit Höwedes plant, ist das ein völlig nachvollziehbarer Schritt. Diesen hätte er aber völlig anders kommunizieren müssen - und rückt sich damit schon früh in seiner Amtszeit in ein schlechtes Licht. Es ist unbestritten, dass in der ganzen Wechselthematik beide Seiten Fehler gemacht haben - eine der beiden Seiten ist jetzt auf Schalke gefordert. Es ist übertrieben, dem Trainer jetzt vorzuwerfen, er habe eine Schalker Institution "vernichtet" oder dem Verein "die Seele genommen". Dafür war Höwedes´ Wechselwilligkeit nach der Abnahme der Kapitänsbinde zu eindeutig. Er hat sich schlicht leichtfertig geäußert und den Wechsel nicht so kommuniziert, wie er es verdient gehabt hätte - nicht mehr, aber auch nicht weniger. 

Domenico Tedesco hat schon sehr früh mit einer ganzen Menge Baustellen zu kämpfen. Ohne die Niederlage in Hannover würde es vermutlich ganz anders aussehen. Wenn die Dreierkette so funktioniert hätte wie gegen Leipzig, hätten viele Fans dem Trainer vermutlich zu der mutigen Entscheidungen gratuliert. Jetzt sieht es anders aus. Und wieder ist der Grund dafür die Schnelllebigkeit des Geschäfts.

Sportliche Variabilität, Rückgrat und eine konsequente Verfolgung des eigenen Wegs. Mit dieser Formel kann Domenico Tedesco Erfolg haben und den so oft geforderten Umbruch weiter planen. Den nächsten Nachweis dafür zeigen er und sein Team hoffentlich schon gegen Stuttgart.