Domenico Tedesco. (Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)
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Das Tedesco-Prinzip wirkt – und ist nicht ohne Risiko

Nach dem Auftaktsieg in der Bundesliga gegen RB Leipzig wird die Vision von Schalkes Chefcoach Domenico Tedesco immer klarer. Er setzt konsequent auf das Prinzip Leistung vor Sympathie. Der Erfolg gibt ihm bisher Recht.

Am Ende lobte der neue Coach seine Mannschaft im fast schon obligatorisch gewordenen Spielerkreis. Domenico Tedesco hatte mit seinem neuen Team Schalke 04 gerade 2:0 gegen RB Leipzig gewonnen und damit den perfekten Bundesligastart gefeiert. Mit viel Gestik und Mimik machte er seinen Spielern klar, dass die Partie gegen die Sachsen genau nach seinem Geschmack war. Klare taktische Vorgaben, kompakte Abwehrarbeit und ein gnadenloses Umschaltspiel brachten der Mannschaft den verdienten Sieg. Die kommunikative Art des Trainers bis zur letzten Sekunde brachten dem Deutsch-Italiener einige Sympathien. Die hat er sich nach dem Leipzig-Spiel redlich verdient.

Nicht der Emotionalität verfallen

Stichwort Tedescos Geschmack. Von diesem hat der 31-jährige trotz seiner kurzen Amtszeit bereits ausgiebig Gebrauch gemacht. Dem langjährigen Kapitän Benedikt Höwedes nahm er die Binde ab, Coke setzte er gegen die schnellen Leipziger gar auf die Tribüne. Atsuto Uchida verließ den Verein auf eigenen Wunsch, der Trainer ließ ihn ziehen. Die Struktur seiner Personalentscheidungen ist jetzt schon eindeutig: Leistung ist wichtiger als Sympathie. 

Ein Markus Weinzierl oder André Breitenreiter hätte sich die Höwedes-Entscheidung vermutlich nicht getraut - obwohl sie aus sportlicher Sicht nicht völlig sinnlos erscheint. Da Höwedes keine Stammplatzgarantie mehr hat, und Tedesco sich genau das wünscht, wäre diese "Entbindung" rein nüchtern betrachtet ein logischer Schritt. Und auch das klare Signal des Trainers, dass auch ein Fußball-Weltmeister sich bei ihm unterzuordnen hat, ist rein sportlich gesehen keine allzu überraschende Kehrtwendung. Auf Schalke wird Logik und nüchterne Entscheidungsfindung aber gerne mal von der allgegenwärtigen Emotionalität erwürgt. Das weiß Tedesco. Dass er es bisher trotzdem konsequent durchgezogen hat, ist mutig und richtig.

Auf Schalke passiert gerade genau das, was sich viele Anhänger schon seit Jahren wünschen. Dass endlich mal ein Trainer kommt, der konsequent hinter seinen eigenen Aktionen steht. Und das ist Tedesco deutlich anzusehen. In Interviews, die zum wiederholten Male von Höwedes vermeintlicher Degradierung handeln, bleibt er sachlich und erklärt in ruhigem Tonfall, warum er diese Entscheidung gefällt hat. Erfolgreiche Pflichtspiele geben ihm dafür bisher das nötige Selbstbewusstsein.

Tedesco muss so konsequent bleiben

Die spannende Frage wird sein, wie Schalkes neuer Coach mit Gegenwind umgehen wird, wenn es mal nicht so läuft. Wenn ein Pflichtspiel gehörig in die Hose geht. Und dieser Tag wird kommen. Warum hat Tedesco den erfahrenen Coke nicht aufgestellt? Warum wirkte Ralf Fährmann als neuer Kapitän so furchtbar hilflos? Hätte Höwedes die Mannschaft vielleicht besser motiviert? Diese Fragen wird er sich gefallen lassen müssen - seine abgeklärte Art wird spätestens zu diesem Zeitpunkt auf eine harte Probe gestellt. Selbst wenn seine Personalentscheidungen sportlich sinnvoll sind. Selbst wenn er sie immer wieder sachlich artikuliert und verteidigt. Kritik nach Niederlagen ist auf Schalke so allgegenwärtig wie Senf auf der Bratwurst.

Domenico Tedesco hat schon jetzt einen bleibenden Eindruck auf Schalke hinterlassen. Er fürchtet sich nicht vor unpopulären Entscheidungen und geht konsequent seinen Weg. Und die Mannschaft zieht mit. Das positive erste Fazit über den neuen Cheftrainer würde wahrscheinlich noch einmal positiver werden, wenn er diesen Weg auch dann weiter geht, wenn es mal stürmisch wird. Gegen Hannover 96 am Sonntag ist das hoffentlich nur in Schalkes Offensive der Fall.