S04-Manager Christian Heidel stellt Schalke auf den Kopf. (Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)
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Christian Heidel liebt das Risiko - pokert er mit Erfolg?

Auf Schalke ist fast nichts mehr von der Ära Horst Heldt übrig geblieben. Christian Heidel hat die Mannschaft konsequent umgekrempelt. Er geht das Risiko wohlwollend ein - schließlich tut er genau das, was sich die Fans seit Jahren wünschen.

Es gibt vermutlich keinen Bundesligisten in dieser Republik, bei dem so leidenschaftlich und emotional über Personalpolitik diskutiert wird wie auf Schalke. Jeder Spieler wird bei einer Verpflichtung genau unter die Lupe genommen. Jeder Abgang wird kritisch beurteilt. Die Anhänger machen sich selbst ein Bild von der Mannschaft - von Euphorie über Skepsis bis hin zu purer Ablehnung ist in fast jeder Transferperiode mindestens eine Emotion dabei.

Das weiß auch Christian Heidel. Seit gut einem Jahr ist er als Manager auf Schalke unterwegs. Und man könnte inzwischen relativ leicht den Überblick verlieren. Zur Bestätigung dieses Eindrucks reicht ein Blick auf die Aufstellung des Spiels gegen RB Leipzig am ersten Spieltag. 

Von den elf Spielern auf dem Platz waren insgesamt sechs Verpflichtungen von Christian Heidel vertreten. Ralf Fährmann, Leon Goretzka, Matija Nastasic, Thilo Kehrer und Franco Di Santo sind noch aus der Ära Horst Heldt. Drei dieser Spieler sind Leistungsträger, einer gilt als junges Talent. Nur Franco Di Santo ist eine Personalie, bei der durchaus verwunderlich ist, dass sie auf Schalke überhaupt noch zum Zug kommt. Aber auch das könnte sich mit der Rückkehr von Breel Embolo und Guido Burgstaller schnell ändern. Ebenfalls zwei Heidel-Verpflichtungen.

Spart Heidel zu viel?

Die Linie des ehemaligen Mainz-Managers wird an diesem Beispiel schnell deutlich. Bis auf das Grundgerüst der Mannschaft, das aktuell nicht wegzudenken ist, geht Schalke seit einem Jahr transfertechnisch einen ganz neuen Weg - der zwischendurch sehr unpopuläre Entscheidungen beinhaltet. Der Verein ließ beispielsweise Benedikt Höwedes und Atsuto Uchida ziehen. Zwei absolute Sympathieträger, die allerdings sportlich gesehen in den letzten Jahren deutlich weniger wertvoll waren. Zudem wurde Johannes Geis nach Sevilla verliehen. Alle drei Spieler sind Namen, die die Amtszeit von Horst Heldt in mehrerer Hinsicht durchaus geprägt haben. Und als Ergänzungsspieler sind sie vermutlich auch noch mehr als geeignet. 

Christian Heidel legt mit seinem neuen Cheftrainer Domenico Tedesco deutlich weniger Wert auf diese Umstände. Um das Gehaltsgefüge im Verein etwas zu entzerren, gehen sie das Risiko ein, weniger Möglichkeiten von der Bank zu besitzen - gleichzeitig vertrauen sie auf das vorhandene Personal. Dass die Verletzungssorgen des Vereins aus den vergangenen Jahren da ganz schnell Probleme entstehen lassen können, wird in Kauf genommen. Ohne Risiko kein Ertrag. So einfach ist die Devise der neuen Chefetage.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Die Skepsis vieler Anhänger ist berechtigt. Wer weiß besser als Schalke, dass ein Verein auf allen Positionen lieber mindestens doppelt besetzt sein sollte, um zu starke Improvisationen zu vermeiden? Trotzdem ist die Transferpolitik des neuen Managers durchaus das, was sich viele Fans seit Jahren wünschen. Unpopuläre Entscheidungen treffen, um den Verein sportlich weiter zu bringen. Neue Gesichter in den Verein integrieren. Altlasten loswerden. Genau diese Punkte werden von Heidel in Angriff genommen. Und sie sind richtig. Auch wenn sie nicht immer jedem gleichermaßen gefallen.

Kein Verein auf der Welt hat jemals Erfolg gehabt, ohne ein Risiko einzugehen. Wenn Schalke dieses Risiko angemessen einschätzt und gleichzeitig realistisch bleibt, dann könnte es sich eines Tages auszahlen.

Die Anhänger der Knappen benötigen nur eine winzig kleine Prise einer Tugend. Eine Tugend, die auf Schalke fast so unbeliebt ist wie der BVB. Und trotzdem wichtiger ist als je zuvor.

Diese Tugend heißt Geduld.