Christian Heidel (l.) und Hassan Talib Haji
Foto: Uwe Bassenhoff

Christian Heidel: "Das ist hier keine Heidel-Show"

Seit einem halben Jahr ist Christian Heidel als Sportvorstand beim FC Schalke 04 tätig. Ein guter Zeitpunkt für ein Zwischenfazit. hassanscorner TV traf sich mit dem 53-Jährigen zum exklusiven Interview.

Herr Heidel, Sie haben sich zu Beginn Ihrer Schalker Zeit dazu entschlossen, Ex-Trainer Andre Breitenreiter zu beurlauben und mit Markus Weinzierl einen neuen Cheftrainer zu verpflichten. Es waren jedoch zähe Verhandlungen mit dessen Ex-Klub, dem FC Augsburg. Hatten Sie in der Trainerfrage auch einen Plan B, falls Sie Weinzierl nicht bekommen hätten?

Christian Heidel:  "Es gab einen Plan B, der aber nicht so weit ausgeführt wurde, dass man sagen könnte, man habe Verhandlungen geführt. Wir haben in dieser Phase nur mit Markus Weinzierl und dem FC Augsburg gesprochen. Neben Weinzierl waren es lediglich Überlegungen, da wir uns natürlich darauf vorbereiten mussten, dass es unter Umständen nicht zu einer Einigung mit Augsburg kommt – wovon ich aber zu keinem Zeitpunkt ausging. Ich bin nicht der Typ, der zeitgleich mit zwei Trainern verhandelt und sich dabei denkt: Wer zuerst Ja sagt, den nehme ich dann. Markus war der ganz klare Favorit und deshalb haben wir mit keinem anderen verhandelt."

Die Frage deshalb, weil Sie in einer ähnlichen Konstellation als Mainz-Manager vor einigen Jahren Thomas Tuchel auf eigenen Wunsch zwar freigestellt, aber nicht freigegeben haben. Dies hätte Augsburg-Manager Stefan Reuter ähnlich handhaben können.

Heidel: "Die zwei Personalentscheidungen kann man nicht miteinander vergleichen. Thomas Tuchel kam nicht zu mir und sagte, er möchte ab morgen als Trainer bei Schalke 04 oder einem anderen Verein arbeiten. Wäre das der Fall gewesen, wäre dies eine völlig andere Situation gewesen. Dann hätte ich mir Gedanken machen müssen, ob ich ihn (beispielsweise) zu Schalke 04 ziehen lasse. Thomas Tuchel kam aber zu mir und hat gesagt, dass er bei Mainz aufhören möchte. Er hatte damals für sich beschlossen, eine Pause einzulegen. Wir haben uns dann gemeinsam dazu entschlossen, dass er eine Auszeit einlegen kann. Aber du kannst nicht drei Wochen Pause machen und dann ohne Ablöse für Mainz 05 den Verein wechseln. Thomas und ich waren uns in diesem Punkt auch komplett einig."

Selbstverständlich sind Sie erst seit einigen Monaten auf Schalke. Dennoch sei die Frage erlaubt: Wie viel, von dem was Sie umsetzen wollten, haben Sie schon bewältigen können – wie viel Heidel-Input steckt bereits in Schalke 04?

Heidel: "Da gibt es sicherlich noch sehr viel Luft nach oben. In sechs Monaten, in denen ich jetzt hier tätig bin, ließ sich selbstverständlich noch nicht alles umsetzen. Man muss sich das so vorstellen: Zunächst lag das Hauptaugenmerk auf der Profimannschaft. Um viele andere Dinge konnte ich mich noch gar nicht kümmern, weil die Profiabteilung viel Zeit in Anspruch nahm. Allein die damals anstehenden Transfers mussten abgewickelt werden – in beide Richtungen. Zum Beispiel der Transfer von Leroy Sané, der sich hinzog."

Was hat Ihnen denn bei den Transfers so viel Zeit geraubt?

Heidel: "Wer jetzt glaubt, dass die Tresore voll mit Geld waren als ich hierherkam, der irrt sich gewaltig. Die anderen Transfers konnten nur abgewickelt werden, wenn Leroy wechselt. Und wäre er hier geblieben, hätten wir komplett umplanen müssen. Aber auch auf diesen Fall mussten wir natürlich vorbereitet sein. Hinzu kam noch die Infrastruktur der Lizenzspielerabteilung, die wir zum Teil verbessert haben und noch weiter verbessern werden. Die nächste Thematik ist die Knappenschmiede, auch da können wir uns im strukturellen Bereich verbessern. Aktuell führe ich da sehr viele Gespräche mit den Trainern, um mir einen Überblick, ein Bild, zu verschaffen. Was können wir noch optimieren? Es ist aber nicht so, dass alles schlecht ist – bei Weitem nicht."

In der U23 haben Sie zum Beispiel Gerald Asamoah hinzugeholt.

Heidel: "Das ist richtig. Ich bin einfach der Meinung, dass man in der U23 jemanden braucht, der alles überblickt. Heutzutage geht es nicht anders. Momentan ist der Kader der U23 mit 30 Spielern nicht optimal besetzt. Bei jedem Spiel sitzen 12 junge Spieler auf der Tribüne – wie soll das funktionieren? Die Kaderplanung ist also ein großes Thema, wie auch die Infrastruktur. Wer auf Schalke arbeitet, weiß, dass die Infrastruktur nicht optimal ist. Zumindest nicht so, wie es sich für einen modernen Verein gehören sollte."

Gibt es noch andere Bereiche, die eine Optimierung nötig hätten?

Heidel: "Es gibt immer Dinge, die man verbessern kann. Ich bin ja nicht nur Sportvorstand, sondern auch für den Bereich 'Kommunikation' zuständig. Auch dort ging es darum, eine Bestandsaufnahme zu machen: Wie wollen wir uns nach außen präsentieren? Wer spricht über welche Themen? Was für ein gemeinsames Ziel haben wir? Wir wollen in diesen Dingen komplette Einheitlichkeit. Es gibt noch vieles zu tun. Wenn schon jetzt alles prima wäre, könnte ich ja morgen wieder gehen. (lacht) Was mir aber sehr imponiert, ist, dass es aus allen Abteilungen und von unseren Mitarbeitern einen riesigen Rückhalt gibt. Man ist sehr offen für neue Ideen und wir besprechen diese alle. Mein Gefühl ist einfach, dass hier alle einhundertprozentig mitziehen. Und wenn mir jemand sagt: Auf Schalke musst du aber auf dies und das achten. Für solchen Input bin ich immer dankbar. Das ist hier keine Heidel-Show. Ich bin ein großer Teamplayer."

Der Saisonstart war in der Bundesliga katastrophal. Nach der fünften Niederlage in Hoffenheim haben Sie klare und sehr deutliche Worte gefunden. Sie haben angekündigt, die Tabelle in die Kabine zu hängen.

Heidel: "Das ist nicht ganz richtig wiedergegeben worden. Ich hab ja angeblich auch eine Wutrede in der Kabine gehalten. Das stimmte so nicht. Wir haben die Niederlage in Hoffenheim aufgearbeitet und eine ganz normale Besprechung mit der Mannschaft abgehalten. Ich sprach dabei  ganz leise und sachlich. Wenn man laut wird, erzielt man oftmals einen Gegeneffekt. Wir haben darüber gesprochen, was wir von dem, was wir vorhatten, umgesetzt haben. Die logische Erkenntnis: Es war recht wenig. Die Spielweise und die Art unseres Auftretens sahen nicht so aus, wie wir es gemeinsam vereinbart hatten. Wir haben unsere Spieler dahingehend sensibilisiert, dass sie verstanden, wie wichtig es ist, was sie hier tun. Ich hatte aber nie ein Problem mit dem Charakter unserer Mannschaft, überhaupt gar nicht. Um es abzukürzen: Wir haben einfach einen Schalter gebraucht. Die Mannschaft musste einmal merken, dass, wenn sie so spielt, wie sie spielen soll, Erfolg haben wird. Dieser Moment war das Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach."

Das Spiel gegen die Fohlen war ein Brustlöser. Trotz diverser Rückschläge aufgrund von Verletzungen ist dennoch kein Qualitätsverlust spürbar und das taktische 3-5-2-System scheint dafür verantwortlich zu sein. Woran machen Sie den aktuellen Höhenflug noch fest?

Heidel: "Es ist ein Zeichen, dass der Kader in der Breite funktioniert. Bei uns geht es um die Arbeit gegen den Ball. Wenn man sieht, dass uns Coke, Embolo und Huntelaar plötzlich lange fehlen, ist das nichts, worüber wir uns freuen. Also brauchten wir Lösungen. Dann spielt Franco Di Santo, von dem es hieß, er könne das nicht. Der Junge hat das völlige Gegenteil bewiesen. Ich bin jemand, der sich immer alle Statistiken anschaut. Auf Schalke wurde auch früher nicht wenig gelaufen, die Frage ist: Wie laufe ich?"

Könnten Sie das bitte konkretisieren?

Heidel: "Worum es unserem Trainer Markus Weinzierl geht, sind die Zweikämpfe. Es nützt dir nichts, wenn du 12 Kilometer abspulst, aber kommst in keinen Zweikampf. Unsere Offensivspieler haben den Auftrag, nach Ballverlust sofort den Gegner zu attackieren, um direkt Fehler zu provozieren. Wir wollen unsere Kontrahenten nicht in Ruhe hinten rumspielen lassen, damit sie sich genau überlegen können, was sie jetzt am besten machen. Unsere Offensivspieler führen aktuell 80 Zweikämpfe pro Spiel. Bei unserer Niederlage in Frankfurt waren es 35. So kannst du mit unserem System keine Spiele gewinnen."

Anderes Themenfeld, Herr Heidel. Wichtig ist natürlich auch, dass Leistungsträger gehalten werden, um das Team weiterzuentwickeln. Im Sommer wechselte Joel Matip nach Liverpool – ablösefrei. Nun laufen erneut Verträge aus. Wie optimistisch sind Sie, zum Beispiel mit Choupo-Moting oder auch Sead Kolasinac langfristig zu verlängern?

Heidel: "Ich würde nie meine Gefühlslage in solchen Situationen nach außen tragen, das wäre völlig kontraproduktiv und der Sache nicht dienlich. Wenn ich jetzt sagen würde, ich wäre optimistisch bei den Verlängerungen – dann denkt ja jeder: Der glaubt, das geht schon alles klar. Mein Standardstatement bleibt: Ich weiß, wann unsere Spielerverträge auslaufen. Und wenn es etwas zu verkünden gibt, dann werden wir das auch tun. Aber glauben Sie mir eines: Wir werden alles dafür tun, dass wir die Verträge, die wir verlängern wollen, auch verlängert bekommen."

Zu guter Letzt habe ich noch drei Fragen von Fans an Sie. Stefan möchte Sie folgendes fragen: Wie ist es für Sie, dass Sie in Kombination mit Markus Weinzierl wie das alte Duo Assauer/Stevens von manchen Fans gesehen werden? Mehr Ehre oder mehr Bürde?

Heidel: "Das kann ich schwer beurteilen. Ich weiß, welche Bedeutung die Person Rudi Assauer auf Schalke hat. Solch eine Bindung, wie sie Assauer und Stevens hatten, muss auch zusammenwachsen. Bevor Markus Weinzierl unser Trainer wurde, kannte ich ihn auch nur von einigen kurzen Gesprächen, als wir mit Mainz gegen Augsburg spielten. Auch wir lernen uns momentan noch kennen. Wir haben gleich mit dem schlechten Bundesligastart eine große Bewährungsprobe gehabt. Ich glaube, das hat unserem Verhältnis gut getan. Wir wachsen zusammen, das braucht Zeit. Aber ich weiß, dass wir fußballerisch gleich ticken. Es muss einfach menscheln, das tut es bei uns."

Benny möchte gerne wissen, ob auf die Verletzungsmisere in der Offensive reagiert und im Winter noch jemand hinzugeholt wird?

Heidel: "Ich bin nicht der Typ, der sofort einen neuen Spieler holt, nur weil sich jemand verletzte. Erstens: Der Spieler kommt wieder zurück. Zweitens: Es würde bedeuten, dass der Kader in der Breite nicht gut aufgestellt wäre. Wir werden in aller Ruhe dieses Thema besprechen und uns die Frage stellen: Ist es notwendig, noch jemanden zu verpflichten? Die Frage ist aber auch: Welches Zeichen gebe ich damit in einen Kader? Mein Standpunkt ist: Jeder im Aufgebot muss eine reelle Chance haben, zu spielen. Wir müssen penibel darauf achten, dass der Kader nicht zu groß wird. Wir werden uns zusammensetzen und eruieren, ob wir noch was machen."

Erlauben Sie mir zwei Zwischenfragen. Können Sie sich denn vorstellen, eines der jungen Talente im Winter zu verleihen?

Heidel: "Da müssen wir auch schauen und uns die Frage stellen: Wie groß ist ihre Chance, bei uns auf angemessene Einsatzzeiten zu kommen? Wenn es sich bei einem Spieler so darstellt, dass diese Chance gering ist, bin ich der Letzte, der diesen Weg nicht freimacht. Es muss dann aber auch für alle Seiten passen. Es bringt nix, wenn der Spieler bei einem anderen Verein dann auch wenig bis gar nicht spielt."

Können Sie schon abschätzen, wann Embolo wieder zur Verfügung steht?

Heidel: "Embolo sehen wir hoffentlich im März oder April wieder auf dem Arenarasen."

Kevin fragt Sie das Folgende: Wo sehen Sie sich und den FC Schalke 04 in fünf Jahren?

Heidel: "Ich bin erst seit einem halben Jahr hier und ich muss noch viel mehr kennenlernen. Aber, ich habe schon verstanden und gespürt, wie wichtig den Menschen hier Schalke 04 ist. Es ist ihnen wichtig – egal, ob bei Erfolg oder Misserfolg -, dass sie sich mit ihrem Verein immer identifizieren können. Und es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Klub stets so ist, wie die Menschen um Schalke ihn spüren wollen. Es wird immer Entscheidungen geben, die nicht allen passen. Sie sollen aber immer das Gefühl haben: Das ist mein Klub und dafür steht er."

Das klappt wunderbar mit Titeln.

Heidel: (lacht) "Unser Plan ist es, irgendwann mal wieder etwas zu holen, damit die Leute einen Moment haben, der sich in purem Stolz auf ihren Verein ausdrückt. Daran arbeiten wir. Tag für Tag. Aber auch das braucht Zeit. Eben weil wir nicht einfach alles auf einen kurzfristigen Erfolg auslegen. Schalke braucht Nachhaltigkeit und Kontinuität. Dafür wollen wir sorgen. Aber natürlich wollen wir in der Zukunft wieder mal etwas auf dem Balkon hochhalten. Gibt es auf Schalke überhaupt einen Balkon für einen solchen Anlass?" (lacht)

Zur Not wird bestimmt einer gebaut. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Heidel.